(08.02.2007) Buchrezension: Ich war gefangen in Guantanamo

Ich war gefangen in Guantanamo

Buchrezension

Stellen Sie sich vor, Sie reisen wegen ihrer Hochzeit nach Pakistan und werden plötzlich als Al-Qaida-Mitglied gefangen genommen. Oder Sie reisen durch Afghanistan. Mann nimmt Sie fest. Foltert und zwingt Sie einzugestehen, dass Sie ein Anhänger von Osama Bin Laden sind.

Genauso erging es Nizar Sassi, einem Franzosen, tunesischer Abstammung. Seine Neugier nach Schusswaffen wurde ihm zum Verhängnis. Sassi, der weder religiös noch politisch aktiv ist, begab sich noch vor dem 11.September auf eine Reise nach Afghanistan, um seine Leidenschaft für Waffen zu befriedigen. Denn ein Freund riet ihm, in Afghanistan könne man ohne Probleme an Waffen rankommen und an Schießprogrammen teilnehmen.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Sassi, so wie die meisten Menschen, noch nie etwas von Al-Qaida oder Bin Laden gehört. Erst als am 11.September die Anschläge in New York stattfanden, durchquerte Bin Ladens Name die ganze Welt. Sassi, der am Tag des Anschlags in Afghanistan war, verfolgte die Anschläge geschockt vor dem Radio.

Endlose Qual

Wenige Tage später beginnt die Bombardierung Afghanistans durch die USA. Sassi flieht nach Pakistan und versucht wieder in seine Heimat, nach Frankreich, einzufliegen. Doch vergebens. Sassi wird als „möglicher“ Terrorist verhaftet und zunächst in Pakistan inhaftiert.

Als er schließlich als mutmaßlicher Terrorist und Bin-Laden-Sympathisant an die Amerikaner ausgeliefert wird, beginnt eine zweieinhalbjährige Hölle für ihn. Im Hochsicherheitsgefängnis Guantanamo, auf Kuba, wird er eingepfercht in einer winzigen Gitterzelle und wird sengender Sonne, zermürbenden Vernehmungen, Demütigungen, Schlägen und psychischer Folter ausgesetzt.

Die endlosen und sinnlosen Verhöre werden für ihn zur Qual. Seine Hoffnungen, befreit zu werden, sinken von Tag zu Tag. Auch als französische Botschafter kommen, und Sassis Hoffnungen auf eine Befreiung steigen, wird er sofort wieder enttäuscht, da sich die Diplomaten nur als Marionetten der Amerikaner herausstellen.

Pflichtlektüre für Jedermann

Erst Nizars Bruder Aymane gelingt es, mithilfe einer amerikanischen Bürgerrechtsbewegung im Juli 2004 Nizars Auslieferung nach Frankreich zu erwirken. Doch auch dies ist nicht das Ende. In Frankreich wird er erneut des Terrorismus verdächtigt und für anderthalb Jahre inhaftiert.

Die unmenschlichen Folter, herabwürdigenden Strafen und unmoralischen und unethischen Handlungen der Amerikaner gegen die Häftlinge und gegen islamische Symbole (u.a. Gebetsteppich und Koran), müssen die Leser dieser hervorragenden Lektüre erst einmal verdauen. Nizar Sassi beschreibt die Verhältnisse von Guantanamo in einer so beeindrucken und gleichzeitig erschreckenden Weise, dass der Leser sich öfters fragen muss: „Wie kann ein Mensch diese Qualen nur aushalten. Und wie können Menschen so unmenschlich sein.“

Alles in einem, eine Pflichtlektüre für Jedermann. Gerade heute, wo über die Schließung des Hochsicherheitsgefängnisses in Guantanamo diskutiert und protestiert wird, ist die Lektüre von Sassi, der seit seiner endgültigen Freilassung im Januar 2006 wieder in Frankreich lebt und für seine Rehabilitierung kämpft, ein Dokument und Zeugnis einer Unmenschlichkeit.

Cemil Sahinöz | KISMET 08.02.2007

Veröffentlicht von misawatruth

Der Autor Cemil Şahinöz (Dipl. Soziologe, Familienberater, Integrationsbeauftragter, Doktorand der Theologie; geboren 1981) ist Gründer und Chefredakteur der Zeitschrift “Ayasofya”. Er hat verschiedene Bücher übersetzt und verfasst. Sein erstes Buch schrieb er mit 15 Jahren und mit 16 Jahren brachte er seine erste monatliche Zeitschrift heraus. Sein Aufsatz “Situation der türkischen Familien in Europa“ wurde 2006 von Diyanet (DİTİB) zum “Besten Aufsatz des Jahres“ gewählt. Zu verschiedensten Themen macht er Vorträge, Seminare, Fortbildungen, Konferenzen und Workshops. Er ist in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften als Journalist und Kolumnist tätig. Als Journalist begleitete er den deutschen Bundespräsident Christian Wulff und den türkischen Staatspräsidenten Abdullah Gül bei ihrem Osnabrück-Besuch. Şahinöz moderierte die Internet-Radiosendung “Misawa Talk“. Hauptberuflich ist er in der Integrationsagentur und Familienberatung tätig. Nebenbei ist er in der türkischen Glücksspielsuchthotline tätig. In der Vergangenheit arbeitete er als Lehrer, Projektmanager, Seelsorger für muslimische Häftlinge, Übersetzer, Editor und Leiter von pädagogischen Angeboten. Seine Webseite (www.misawa.de) wurde unter 42 deutschen Islamseiten in den Bereichen "Offenheit", "Dialog", "Meinungsfreiheit", “Toleranz“ und "Demokratisch" in einer Forschungsarbeit an einer Universität am besten bewertet. Als Dank und Auszeichnung für sein Engagement im Bereich Integration wurde er von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel nach Berlin eingeladen und seine Arbeit auf diesem Gebiet gelobt. Şahinöz traf sich u.a. auch mit dem muslimischen Berater von Barack Obama, Rashad Hussain, und gab ihm Informationen über die Muslime und ihren Organisationen in Deutschland. Der AIB (Europäischer Arbeitgeber und Akademiker Verbandes NRW) verlieh ihm im Juni 2011 den “Akademiker- und Integrationspreis.” Şahinöz ist zu dem Vorsitzender des Bündnis Islamischer Gemeinden (Dachverband der muslimischen Einrichtungen in Bielefeld) und der European Risale-i Nur Association (Dachverband der Nurculuk Bewegung in Europa).

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